Der Steinmetz und die Malerin

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Der Steinmetz und die Malerin

Überblick

Für die junge Malerin Karla Bocelli gehört Verlust zum Alltag. Mit fünf Jahren verlor sie ihre Mutter bei einem Autounfall im Süden der Schweiz. Ihr peruanischer Vater lebt am anderen Ende der Welt und vor einem Jahr starb auch die Tante, die sie großgezogen hatte. Jetzt, im Alter von vierundzwanzig Jahren, wird sie beinahe von einem rasenden Auto angefahren. Als ob das allein nicht schicksalhaft genug wäre, ist der Fahrer des Wagen, Andreas, ein Bildhauer und Gestalter von Grabsteinen. Trotz seines Berufs ist Andreas alles andere als morbide. Hitzig und intensiv, strahlt er eine wilde Energie aus. Nach dem stürmischen Anfang ihrer Beziehung wird Andreas für Karla zum „Felsen“ ihres Lebens, das perfekte Antidot zu ihren Ängsten des Verlassenwerdens und den Depressionsanfällen. Andreas hat jedoch mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen: einem alkoholkranken Vater, der ihn als Kind misshandelte, und seiner Neigung zu Wutanfällen. Gemeinsam müssen sich die beiden Künstler mit ihren Dämonen auseinandersetzen.

Der Steinmetz und die Malerin handelt vom Kampf zweier Künstler mit der Vergangenheit, ihren Familien, ihrer Kreativität und ihrer Liebe zu einander. Die Geschichte führt den Leser auf eine Reise der Sinne vom Süden der Schweiz nach Italien und in die peruanischen Anden.

Der Steinmetz und die Malerin

Leseprobe 

 Kapitel 1

Karla Bocelli hasste das Bild. Sie hatte im vergangenen Jahr ab und zu daran gearbeitet; es gelang ihr jedoch nicht, es fertigzustellen. Doch egal, wie sehr sie es verabscheute, sie brachte es auch nicht über sich, es zu zerstören. Es schien sie zu verfolgen.

Im Süden der Schweiz war das Wetter Anfang Juni warm und schwül. Dunstschleier hingen über den Bergen hinter dem Lago Maggiore. Karla klemmte ihre Kunstmappe unter den Arm und wischte eine Haarsträhne aus ihrer feuchten Stirn. Sie befand sich auf dem Weg in die Altstadt von Locarno und dachte wieder einmal an das lästige Gemälde.

Sie sah das Auto erst, als sie den Zebrastreifen betrat. Ein alter, zerbeulter Fiat kam wenige Zentimeter von ihr entfernt mit quietschenden Reifen zum Stehen. Karla sprang zurück und ließ die Mappe fallen, deren Inhalt sich auf die Straße entleerte. Ihr Herz  pochte heftig und sie atmete tief durch, um das mulmige Gefühl in der Magengegend zu vertreiben. Dieser Geruch. Verbrannter Gummi.

Ein junger Mann stieg aus dem Wagen und starrte sie bestürzt an. „Alles in Ordnung?“

Karla, die noch immer benommen war, nickte. Sie kniete nieder und begann, ihre Zeichnungen einzusammeln. Einige Fußgänger hielten an, doch als sie bemerkten, dass nichts Ernsthaftes geschehen war, gingen sie weiter.

Die dunkle Stimme des Fahrers nahm einen ärgerlichen Ton an. „Was ist los mit Ihnen? Sie haben sich praktisch vor meinen Wagen geworfen. Ich hätte Sie überfahren können. Sind Sie eigentlich lebensmüde?“

„Entschuldigen Sie, ich habe nicht aufgepasst.“ Karla schob die Papiere in die Mappe.

„Das kann man wohl sagen. Wachen Sie doch auf, verdammt nochmal.“

Seine aggressive Stimme ärgerte Karla, die langsam die Fassung wiedergewann. Sie stand auf, warf ihre langen, dunklen Haare über die Schultern zurück und schaute ihn an: „Ich habe gesagt, dass es mir leid tut.“

Er war groß, breitschultrig und kräftig, mit mittellangen dunklen Haaren und grünen Augen, die sie jetzt finster anstarrten. Er war etwa in ihrem Alter, vielleicht etwas älter, etwa Mitte Zwanzig. Als Karla sich bückte, um die restlichen Zeichnungen aufzuheben, trat er näher und half ihr beim Einsammeln.

„Sind Sie Künstlerin?“, fragte er sie nun etwas freundlicher, als er eine ihrer Kohlezeichnungen betrachtete.

„Ja.“ Karla nahm ihm das Papier weg.

„Ich hoffe, die Bilder sind nicht beschädigt.“

„Was kümmert Sie das? Warum rasen Sie wie ein Verrückter?“

„Toll“, rief er aus. „Nun ist es plötzlich mein Fehler?“

„Dies ist eine Tempo-30-Zone, falls Sie das noch nicht bemerkt haben.“ Karla riss ihre Mappe an sich und trat auf den Gehsteig zurück. Ihr Herzschlag war beinahe wieder normal, aber ihre Knie fühlten sich noch etwas wacklig an.

„Springen Sie immer vor fahrende Autos, ohne hinzuschauen?“ Er drehte sich um und ging weg. „Hohlkopf“, murmelte er. Nachdem er sie ein letztes Mal wütend angeblickt hatte, stieg er ins Auto und schlug die Türe zu. Er ließ den Motor aufheulen und würgte ihn mehrere Male ab. Letztendlich startete das Fahrzeug und er fuhr weg, eine stinkende Rauchwolke hinter sich zurücklassend.

„Blöder Kerl. Wie wär’s mit einem neuen Auspuff? Schon mal was von Luftverschmutzung gehört?“ Karla schaute vorsichtig nach links und rechts, bevor sie die Straße überquerte. Noch immer etwas aufgewühlt ging sie durch die Altstadt von Locarno zur Kunsthandlung, um ihre Zeichnungen für die bevorstehende Vernissage einrahmen zu lassen.

Karla war eine junge Künstlerin, deren erste eigene Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen für den nächsten Freitag geplant war. Die Galerie gehörte ihrer Freundin, einer Förderin der Künste. Silvia und ihr Ehemann waren Kunstliebhaber und setzten einen Teil ihres Geldes und ihrer Zeit dafür ein, junge Künstler zu unterstützen.

Als Karla sich etwas erholt hatte, konnte sie die Sehenswürdigkeiten der Altstadt, die sie sehr liebte, wieder genießen: die Boutiquen und kleinen Läden in den engen Kopfsteinpflastergassen, die schmucken Häuser mit den ocker- und orangefarbenen und rosaroten Mauern, die Piazza mit den Töpfen voller Kornblumen und roten und weißen Geranien, die kleinen, einfachen romanischen Kirchen und die kunstvoll verzierten Barockkirchen. Karla atmete die verschiedenen Düfte ein, die sie an ihre Kindheit erinnerten, als sie oft mit ihrer Mutter und Großmutter hier vorbeikam. Aus den Restaurants, Cafés und Lebensmittelgeschäften drang der Geruch von Espresso, gegrilltem Fleisch und Fisch sowie von Kräutern und Gewürzen.

Nachdem Karla ihre Zeichnungen in der Kunsthandlung abgeliefert hatte, ging sie weiter zur Galerie. Durch das Fenster sah sie eine Reihe ihrer Bilder an der Wand. Erst jetzt wurde ihr das große Ereignis so richtig bewusst. Ein Gefühl des Stolzes und der Aufregung überkam sie. Meine erste Ausstellung. Sie klopfte an die Scheibe. Silvia, die bereits in der Galerie war und Stühle und Klapptische aufstellte, winkte ihr zu.

„So, was meinst du?“ Silvia trat zurück und zeigte auf Karlas Gemälde. Sie war eine Frau um die Fünfzig mit einer Mähne wilder, grau melierter Haare. Ihre Kleidung war eine Mischung aus Femme fatale und Hippie – ein weit ausgeschnittenes, enges Oberteil und ein langer, blumiger Rock.

„Großartig. Es gefällt mir, wie du die Bilder angeordnet hast.“ Karla betrachtete die Gemälde. Die Aquarelle- und Acryllandschaften wirkten beruhigend und Zen-mäßig, während viele ihrer Ölgemälde mit den feurigen roten, gelben und braunen Tönen eine vulkanartige Intensität ausstrahlten. Karla hatte auch einige experimentelle Bilder ausgewählt: Landschaften mit fremdartigen Objekten wie Alteisen sowie ein Computer, der aus einer Blume herausragte. Sie versuchte, einen Ausgleich zu schaffen zwischen den Bildern, die womöglich dem Allgemeinbesucher gefielen, und solchen, die eher von Kunstsammlern beachtet werden würden.

„Hoffentlich kommt jemand.“ Karla seufzte. „Ich habe mich so darauf gefreut, aber jetzt fange ich an, nervös zu werden. Glaubst du wirklich, dass ich die richtigen Bilder ausgewählt habe?“

„Natürlich. Sie sind großartig. Mach dir keine Sorgen.“

„Die letzten paar meiner Zeichnungen sollten bis Donnerstag eingerahmt sein“, sagte Karla.

„Sehr gut. Ich habe auf der hinteren Seite Platz dafür reserviert. Die Snacks und der Wein sind bestellt.“ Silvia umarmte Karla und hüllte sie in eine Wolke Patschuliparfum ein. „Vergiss den Lebenslauf nicht. Und sei beruhigt, die Vernissage wird fantastisch werden.“

 

Als Karla bei ihrem Natursteinhäuschen ankam, das sie in einem kleinen Dorf am Anfang des Maggiatals gemietet hatte, war die Luft noch drückender geworden. In Richtung Gotthardpass, der den Süden vom Norden der Schweiz trennte, ballten sich dicke, dunkle Wolken, die südwärts trieben. Es waren die ersten Zeichen eines drohenden Gewitters.

Karla füllte den Espressokocher mit Wasser und fein gemahlenem Kaffeepulver und stellte ihn auf den Herd. Dann ging sie in ihr Atelier, einem Zimmer mit einer Dachluke und einem Fenster gegen Süden. Der Besitzer, der ebenfalls Künstler war, hatte das Dachfenster installieren lassen, da die normalen Fenster in diesem typischen südschweizerischen Haus klein waren und nicht genügend Licht zum Malen hereinließen. Sie setzte sich an die Staffelei und begann, Farben zu mischen. Das Bild, an dem sie arbeitete, war das, an das sie am Morgen gedacht hatte, als sie beinahe überfahren wurde.

Das halbfertige Ölgemälde unterschied sich sehr von ihren anderen farbenprächtigen Landschaften. Es war ein nüchternes, düsteres Bild, mit nur wenig Farbe. Es zeigte den stilisierten Umriss einer schwarz gekleideten Frau, einer dunklen, einsamen Figur, die am Rand des Bildes stand und ihr Gesicht mit den Händen bedeckte. Der Rest der Leinwand war leer, mit Ausnahme eines leuchtenden Farbflecks in der rechten oberen Ecke.

Karla hatte das Bild nach dem unerwarteten Tod ihrer Tante Anna im vorigen Jahr begonnen. Anna war ihre einzige überlebende Blutsverwandte gewesen, mit Ausnahme ihres Vaters, der in Peru lebte und den sie kaum kannte. Anna hatte die Betreuung der fünf Jahre alten Karla übernommen, nachdem ihre Mutter und Großmutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Karla und ihre Tante hatten sich sehr nahegestanden und ihr Tod war ein verheerender Schlag gewesen. Ein Jahr vor Annas Tod war auch Jonas, der Lebenspartner ihrer Tante und Karlas engster Freund und Mentor, an einem Herzinfarkt gestorben.

Karla betrachtete das Gemälde mit zusammengekniffenen Augen, griff nach dem Pinsel, tauchte ihn in eine Mischung aus grauer und grüner Farbe und zögerte. Die schlanke, dunkle Gestalt sah verlassen und verloren aus. Nicht einmal der Farbklecks im Hintergrund strahlte Trost aus. Der orangerote Fleck erinnerte an eine Abendsonne, die ihre Wärme verloren hatte.

Warum schlage ich mich noch immer mit diesem Ding herum? Karla ärgerte sich über die schüchterne und duldsame Frau im Gemälde. Schließlich warf sie ein Laken über das Bild und stellte es wieder in den Abstellraum neben dem Atelier.

Der Espressokocher zischte auf dem Herd, das Aroma frischen Kaffees füllte den Raum und vertrieb den Farbgeruch. Karla goss sich eine Tasse ein und beschloss, den Kaffee schwarz zu trinken; vielleicht würde dies den Druck in ihrem Kopf lindern. Die leichten Kopfschmerzen, die sie beim Aufwachen gespürt hatte, waren stärker geworden, zum Teil wohl wegen der Luftdruckveränderung vor dem Sturm und vielleicht auch wegen des turbulenten Morgens mit dem jungen Autofahrer.

Karla stand am Küchenfenster und genoss den leicht bitteren Geschmack des Kaffees. Sie versuchte sich, den Mann vorzustellen, seine muskulöse Gestalt, das mittellange dunkle Haar und vor allem seine ausdrucksvollen grünen Augen. Schade, dass sie sich nicht unter angenehmeren Umständen getroffen hatten. Trotz seines Wutausbruchs hatte er ihre Neugier geweckt.

Eine Brise erhob sich und schüttelte die Azaleen vor dem Haus. Die großen cremefarbenen und roten Blüten der Rosskastanienbäume wiegten sich hin und her. Karla ging nach draußen. Es roch nach Regen, feucht und modrig. Die Wiesen waren voll blauer, violetter und gelber Wildblumen und weiter unten, entlang der Maggia, neigten sich die Birken, Eschen und hohen Haselsträucher im Wind.

Zurück im Atelier begann Karla, eine Leinwand für ein neues Gemälde vorzubereiten. Sie zog das Tuch mithilfe einer Spannzange straff über die Keilrahmen und befestigte es mit Heftklammern. Nachdem sie eine Schicht Gesso auf die Leinwand aufgetragen hatte, stellte sie sie zum Trocknen zur Seite. Sie schaltete den Computer ein und druckte einen Stapel Lebensläufe für die Ausstellung aus.

Draußen verblasste das letzte Tageslicht, während rauchgraue Wolken den Himmel verdunkelten. Nach einem kurzen Abendessen aus Suppe, Brot und Käse versuchte Karla, einige Skizzen anzufertigen, was ihr jedoch nicht gelang. Sie war müde und ihr Kopf schmerzte noch immer. Sie nahm ein Aspirin und ging früh zu Bett. Dem Rauschen der Bäume im Wind lauschend schlief sie ein.

 

In der Nacht wachte Karla schweißgebadet auf. Das Klirren von zerbrochenem Glas und der verzweifelte Hilferuf einer Frau wurden von Donnerkrachen unterbrochen. Zuerst konnte sie nicht zwischen den Geräuschen in ihrem Traum und dem Lärm der Wirklichkeit unterscheiden. Ein Hauch von verbranntem Gummi und Säure hing in der Luft.

Karla warf die Daunendecke zurück, setzte sich auf, rutschte an den Bettrand und stellte die Füße auf den Boden. Sie wischte eine Haarsträhne aus ihrer nassen Stirn und atmete tief durch. Es war derselbe Alptraum, an dem sie seit ihrer Kindheit litt, doch der Donner und die Blitze waren echt. Die große Standuhr im anderen Zimmer schlug elf Mal.

Karla stand auf und schaute aus dem Fenster. Ein Blitz ließ den Himmel aufleuchten und die Schatten der Wolken fegten über die Wiesen. Die Bäume bogen in den Windböen. Sie ging in die Küche, goss sich ein Glas Wasser ein und setzte sich ans Fenster. Sie trank die kühle Flüssigkeit in kleinen Schlucken und versuchte, die Resten der beunruhigenden Traumbilder wegzuwaschen: die verstümmelten Körper, das Blut, das zerbrochene Glas, das Feuer.

„Mama?“, flüsterte Karla in die Dunkelheit hinein. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Das Einzige, das ich von dir habe, ist ein Hilfeschrei. Ich kann mich nicht einmal mehr genau erinnern, wie du ausgesehen hast.“

Keine Antwort, nur der Donner in der Ferne. Karla erhob sich, öffnete die Tür zum Gartensitzplatz und trat ins Freie, gerade als es zu regnen anfing. Zuerst fielen einzelne, große Tropfen auf ihre Arme und ihr Gesicht, dann platzte der Regen auf sie nieder. Sie neigte den Kopf zurück, schloss die Augen und ließ das Wasser einige Sekunden lang auf ihr Gesicht prasseln. Sie genoss die harsche, reinigende Wirkung. Das Wasser durchweichte ihr T-Shirt und sie fing zu frösteln an. Drinnen zog sie ihr Oberteil aus und trocknete sich mit einem Badetuch ab. Zurück im Bett hörte sie dem nun gleichmäßigen und friedlich fallenden Regen zu und schlief wieder ein.